Wer führt, kümmert sich um alle. Um das Team, um die Zahlen, um die Menschen, die auf einen zählen. Um sich selbst kümmert man sich meist zuletzt. Genau diesen Blick haben wir am 18. September in Augsburg umgedreht. Gemeinsam mit den Wirtschaftsjunioren Augsburg und der AOK Bayern haben wir 20 Führungskräfte und Unternehmer:innen zusammengebracht, um ehrlich über mentale Gesundheit zu sprechen. Über das, was belastet, und über das, was wirklich hilft.
Aus Fremden wurde in Minuten eine Community
So unterschiedlich die Runde war, nach Alter, Branche, Rolle und Unternehmensgröße, so schnell entstand ein Gefühl von Zusammengehörigkeit. Es gab kein Vortragen von oben, sondern echten Austausch auf Augenhöhe. Die Stimmung war offen und getragen von ehrlichem Interesse am Thema. Beim gemeinsamen Mittagssnack liefen viele Gespräche einfach weiter, einige gingen weit über den Vormittag hinaus. Am Ende stand ein klarer Wunsch im Raum: vernetzt bleiben.
„Es war eine grandiose Stimmung, und das lag an den Menschen. Alle haben mitgemacht. Frederick hat aus dem Herzen gesprochen, nahbar und echt. Jeder hat sich wohlgefühlt, und das ist ein Gefühl, das man nicht messen kann. Es passiert einfach."
– Valeria Rusovski, Consultant | Roundtable Host
Burnout. Und was hat das mit dir zu tun?
Unter diesem Titel gab Frederick den Impuls. Er sprach offen über seinen eigenen Weg vom Projektleiter ins Burnout und darüber, wie schleichend dieser Weg beginnt. Viele denken bei mentaler Gesundheit zuerst an ihre Mitarbeitenden. Der Vormittag hat gezeigt, dass es genauso um die Führungskraft selbst geht.
Die Zahlen dahinter sind deutlich. In Deutschland gehen jährlich rund 42,9 Milliarden Euro an Bruttowertschöpfung durch psychisch bedingte Arbeitsunfähigkeit verloren (Quelle: Bundesgesundheitsblatt, 2024). Burnout-bedingte Fehlzeiten steigen seit Jahren stark an (Quelle: WIdO, Fehlzeiten-Report 2025). Der größte Teil dieser Kosten entsteht nicht in der Klinik, sondern im Arbeitsalltag, in Führung und Arbeitsgestaltung.
Besonders spannend wurde es beim Blick auf Neurodivergenz. 15 bis 20 Prozent aller Menschen sind neurodivergent, also in jedem Team und in jeder Branche vertreten. Frederick beschrieb sie als eine Art Frühwarnsystem: Wo ein Umfeld nicht passt, fließt ihre Energie ins Anpassen. Wo es passt, fließt dieselbe Energie in Leistung. Gleiches Gehirn, anderes Umfeld, anderes Ergebnis. Was diesen Menschen hilft, hilft am Ende allen.
Wo es in der Führung wirklich hakt
In der ersten Round-Table-Runde haben wir gesammelt, was Führungskräfte im Alltag erleben. Dabei wurde schnell klar, an welchen Stellen es klemmt.
Viele bewegt eine Rechts- und Rollenunsicherheit. Fragen wie „Was darf ich überhaupt?“ rund um Datenschutz und Fürsorge stehen im Raum, und es fällt der Satz, in Deutschland herrsche oft zu viel Angst, überhaupt zu handeln. Dazu kommt die Scham, die das Thema noch immer umgibt. Und die ganz praktische Frage, ab wann jemand eigentlich überlastet ist und wie man das früh genug erkennt. Eine Erkenntnis blieb besonders hängen: Wer als Führungskraft annimmt, die Mitarbeiterin „macht nur blau“, hat die Abwärtsspirale in der Beziehung bereits eingeleitet.
Was gesunde Führung möglich macht
In der zweiten Runde ging es um Prävention und Selbstfürsorge. Hier wurde konkret, was jede und jeder in den Alltag holen kann.
Am Anfang steht die Selbstwahrnehmung: die eigenen Signale früh erkennen und vom Denken ins Fühlen kommen. Dann das Aussprechen von Grenzen, statt alles in sich hineinzufressen. Nein sagen zu können, gerade als Leistungsträger:in, wurde als eigene Stärke benannt. Immer wieder ging es darum, hartnäckige Glaubenssätze zu hinterfragen, etwa „Durchhalten um jeden Preis“ oder „Leistung gleich Wert“. Und es braucht Rituale, die Auszeiten fest verankern, bevor der Ernstfall eintritt, von ehrlichen Check-ins bis zu klaren Fokuszeiten.
„Für mich waren vor allem einige der genannten Zahlen augenöffnend: Knapp 43 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung gehen in Deutschland jährlich durch psychisch bedingte Arbeitsunfähigkeit verloren. Eine enorme Zahl, die uns alle betrifft, der wir aber auf persönlicher wie auch auf unternehmerischer Ebene entgegenwirken können. Besonders hängen geblieben ist bei mir eine Erkenntnis, die zunächst völlig kontraintuitiv klingt: Manchmal ist Nichtstun die beste Handlung. Gerade für Menschen wie mich, die Fortschritt, Bewegung und schlussendlich auch den Erfolgsmoment lieben, ist das gar nicht so leicht. Gemeinsam haben wir konkrete Punkte gesammelt, die sich frühzeitig in den Alltag integrieren lassen, um gesünder zu leben und zu arbeiten und Überforderung gar nicht erst entstehen zu lassen."
– Anna Männle, OCTA | Teilnehmerin
Was die AOK beobachtet
Auch die AOK Bayern zeigte sich begeistert, dass das Thema Mental Health bei den Unternehmen ankommt und dort inzwischen priorisiert wird. Der Grund ist auch wirtschaftlich: Die Kosten psychischer Erkrankungen sind für die Kassen enorm hoch, weil die Ausfallzeiten hier besonders oft lang sind und häufig über sechs Wochen hinausgehen. Genau deshalb lohnt sich jeder Schritt, der früh ansetzt, bevor aus Belastung eine lange Auszeit wird.
Was bleibt
Ein Satz aus Fredericks Impuls fasst den Vormittag gut zusammen: Kein Gehirn funktioniert wie das andere. Wer so führt, gewinnt. Mentale Gesundheit ist keine Privatsache und kein Randthema. Sie ist Chefsache, und sie beginnt bei der eigenen Führung.
Wenn du in deinem Unternehmen an diesem Punkt weiterdenken möchtest, melde dich gerne bei uns. Ob Impuls, Workshop oder Begleitung im Führungsalltag, wir gehen das Thema mit dir gemeinsam an.